Erinnern und Begegnen in Breslau 60 Jahre Versöhnungsinitiative polnischer Bischöfe

Erinnern und Begegnen in Breslau 60 Jahre Versöhnungsinitiative polnischer Bischöfe

Erinnern und Begegnen in Breslau 60 Jahre Versöhnungsinitiative polnischer Bischöfe

# Pfarrei Berichte

Erinnern und Begegnen in Breslau 60 Jahre Versöhnungsinitiative polnischer Bischöfe

Vor 60 Jahren, mitten im Kalten Krieg, gingen die polnischen Bischöfe einen mutigen Schritt: Sie wandten sich am 18. November 1965, kurz vor dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, mit einem Brief an ihre Amtsbrüder aus Deutschland, die sie bei den Konzilsberatungen besser kennengelernt hatten. „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“ lautete darin, gerade einmal gut 20 Jahre nach den Schrecken von NS-Herrschaft, Krieg und Vertreibung, der entscheidende Satz. Das Schreiben gilt als Meilenstein der deutsch-polnischen Versöhnung.

Mitte September 2025 machte sich aus diesem Anlass eine Gruppe aus dem Erzbistum Berlin auf in die Partnerdiözese Wroclaw/Breslau, um gemeinsam mit Polinnen und Polen an den Bischofsbrief zu erinnern und den Gedanken der Versöhnung und des Miteinanders wach zu halten. Mit dabei waren auch meine Frau Waltraud Eckert-König und ich aus der Gemeinde St. Konrad.

Wir hatten beide zuvor schon bei unterschiedlicher Gelegenheit Kontakte nach Polen knüpfen können, bei Städtetouren, im Urlaub, aber auch bei einer Gedenkreise zum einstigen NS-Vernichtungslager Auschwitz und nach Kraków/Krakau. Umso mehr freuten wir uns über die Gelegenheit, bei dieser vom Diözesanrat organisierten Reise gemeinsam mit Erzbischof Heiner Koch auch das kirchliche Miteinander zu erleben, das vor 60 Jahren auf polnische Initiative hin einen entscheidenden Impuls erhalten hatte.

Zu den Höhepunkten der Fahrt gehörte die gemeinsame Besinnung am Denkmal für den polnischen Kardinal Boleslaw Kominek, dem maßgeblichen Architekten des polnischen Versöhnungsschreibens. Nachdrücklich mahnte unser Erzbischof, der die Gruppe an zwei der drei Reisetage begleitete, zur Einigkeit und zum Miteinander in Europa - gerade in einer Zeit, in der dies von manchen auch wieder in Frage gestellt wird. Es folgte eine gemeinsame zweisprachige Messfeier im Breslauer Dom.

Vorausgegangen waren Gespräche mit Aktiven der St.-Hedwig-Stiftung Dortmund-Breslau-Lemberg, es folgten weitere Begegnungen mit Vertreterinnen und Vertretern der Diözese Wroclaw, ein Austausch mit dem Wissenschaftler und Leiter der Stiftung Kreisau, Robert Żurek, und eine polnisch-deutsch-ukrainische Runde, organisiert von Renovabis. Ein Eintauchen in die jüngste Geschichte Polens und Breslaus ermöglichte ein Rundgang durch das Geschichtszentrum der Stadt im historischen Straßenbahn- und Bus-Depot.

Besonders eindrucksvoll war zudem der Besuch des Edith-Stein-Hauses und der Edith-Stein-Kapelle in der Michaelis-Kirche. Die Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft und spätere Karmeliterin war von den Nationalsozialisten im Exil in den dann besetzten Niederlanden aufgespürt und in Auschwitz ermordet worden. Die Verantwortung „fällt auch auf die, die dazu schweigen“, hatte Stein 1933 mit Blick auf den beginnenden NS-Terror an den damaligen Papst Pius XI. geschrieben – ein aus heutiger Sicht prophetisch klingender Hilferuf und auch eine Warnung vor einer Mitschuld der Kirche.

Auf unserer Reise wurden auch die Bahnfahrten von und nach Breslau zunächst zur Einstimmung, dann zur Reflexion des Erlebten genutzt – vor allem die Rückfahrt im „Kulturzug“ von Breslau nach Berlin. Dort ist es üblich, dass den Reisenden während der Fahrt ein Kulturprogramm geboten wird - bei dieser Fahrt hatten Teilnehmende der Diözesanreisegruppe Texte mitgebracht, und es gab einen moderierten Austausch über die vielen Facetten des deutsch-polnischen Verhältnisses und auch der Rolle der Kirche dabei.

Einigkeit bestand in diesem Gespräch darin, die Bedeutung der polnischen Versöhnungsinitiative vor 60 Jahren zu würdigen. Dabei war die Resonanz auf deutscher Seite 1965 zunächst eher zögerlich gewesen. In der Bundesrepublik gab es damals auch auf kirchlicher Seite Vorbehalte dagegen, die Versöhnungsgeste aus dem Nachbarland aufzugreifen. Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und die Verbindung zwischen NS-Verbrechen und dem Leid vertriebener Deutscher waren noch nicht selbstverständlich.

Immerhin brachten die deutschen Bischöfe in ihrem Antwortschreiben Freude über die polnische Dialogbereitschaft zum Ausdruck und bekundeten ihrerseits die Bereitschaft, gemeinsam die Last der Vergangenheit zu überwinden. Gleichwohl gelang es erst einige Jahre später im Kontext der neuen Ostpolitik der Regierung von Willy Brandt und des beginnenden Entspannungsprozesses zwischen Ost und West, auf breiterer Basis die deutsch-polnische Versöhnung voranzubringen.

Selbst heute, obwohl Deutschland und Polen Partner in EU und Nato sind, gilt das beidseitige Verhältnis nicht immer als konfliktfrei, und auch Intensität und Ausmaß der Kontakte zwischen den benachbarten Deutschen und Polen bleiben durchaus ausbaufähig. Während dieser Reise haben wir alle gemerkt, wie wichtig es ist, sich auf die jeweils andere, oft fremde und ungewohnte Perspektive einzulassen. Denn dies ist die Voraussetzung für gelingende Beziehungen. Begegnungen wie diese Reise leisten dazu einen Beitrag.

Benno König

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